Du hast 2006 den Rio Reiser Songpreis gewonnen; was hat sich dadurch in Deiner Karriere verändert?

Die Süddeutsche Zeitung schrieb über mich, obwohl ich komplett unbekannt war. Daraufhin haben sich viele Plattenfirmen und Verlage bei mir gemeldet. Es folgte ein Plattenvertrag mit Four Music, mit dem ich mein erstes Album aufnehmen konnte und ein gutes Jahr später, als mich die Plattenfirma wegen Umstrukturierungen auf Grund der Wirtschaftskrise, wieder los werden wollte, konnte ich mit einer Abfindung mein eigenes Label Gründen und eine Promoterin bezahlen. Die Welle meiner Bekanntheit dadurch schwang etwa drei, vier Jahre lang nach.

Was hat dich damals bewegt, dich zu bewerben?

Ein Freund hat mir davon erzählt. Er meinte, ich würde perfekt rein passen. Ich hatte gerade ein paar Demo-Songs aufgenommen, darunter „Hallo Leben“, was zufälligerweise perfekt zum Thema 2006 „Ich leb doch“ passte.

Hast Du noch Kontakt zu Deinen Mitbewerbern?

Zu Gymmick habe ich einen guten Draht, jedoch wenig Kontakt. Habe ihn neulich nach 13 Jahren wieder gesehen.

Inwiefern denkst Du, ist Rios Musik heute noch (oder wieder) relevant?

Rios Musik ist unverblümt. Ehrlich und kritisch, kommt direkt von Herzen und ist auch poetisch. Rio war mutig und seine Lieder bringen vieles auf den Punkt. Heutzutage sprechen in Deutschland wenig populäre Künstler gesellschaftliche und politische Probleme so konkret und einfach aus. Rio Reiser ist mit seiner Leidenschaft und Kraft immer noch ganz weit oben was die offene Aussprache von Ungerechtigkeiten angeht. In Rios handgemachter Musik schwingt ein großes Herz. Heutzutage klingt populäre Musik meistens sehr klinisch und kalkuliert. Es muss unbedingt wieder populäre handgemachte Musik geben, die schwingt.

Wie schreibt man einen richtig guten Song?

Höre Deiner Seele zu. Hör ganz genau hin und schreib das, was Dir erzählt wird, auf. Nimm ein Instrument und lass Deine Seele sprechen.

Was inspiriert Dich?

Die Bühne, das Publikum, mein Klavier, mit gute Musikern zu spielen, guten Musikern zuhören/zusehen. Sport, Tanz. In der Natur spazieren gehen, gute Gespräche, Menschen im Alltag zuhören/zusehen. Kinder.

Wer ist Dein musikalisches Vorbild?

John Lennon, Dave Brubeck, Little Richard..

Denkst Du, es ist für Musiker heute leichter, Gehör zu finden durch Foren wie YouTube etc, oder ist der Konkurrenzkampf dadurch auch viel größer?

Es ist nicht wirklich leichter, nicht wenn man ein großes Publikum erreichen will, ausserhalb des schon vorhandenen Social Network Kreises. Man muss das Video gut platzieren und promoten, was normalerweise Geld kostet. Im Internet sehe ich persönlich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

Was ist Dein Rat an junge Musiker, die sich für den Rio Reiser Songpreis 2020 bewerben? 

Schreibt tolle und vielseitige Songs. Überrascht Eure Zuhörer. Holt die Leute aus ihrer Lethargie, unterhaltet Euer Publikum. Seid selbstkritisch in Eurer Arbeit (versucht mindestens so gut wie Eure Vorbilder zu sein) und gebt nicht gleich auf, wenn es mal nicht so läuft. Beschränkt Euch nicht nur auf´s Musik machen. Lebt auch Eure anderen Talente aus, kombiniert sie mit Eurer Musik und Performance. Verlasst Euch nicht auf Leute, die Euch irgendwas versprechen. Arbeitet fleissig an Eurer Kunst und an Euerm Selbstmanagement/Booking. Sucht Euch Hilfe bei Leuten, die nicht nur kommerziell denken, wenn Ihr Euch überfordert fühlt. Wählt mutige, charakterstarke Partner, die Euch und Eure Kunst wirklich lieben und mit Euch durch Dick und Dünn gehen! Tut Euch zusammen und helft Euch gegenseitig. Neid und Ellenbogenkampf ist völlig aus der Mode. Backt erstmal kleine Brötchen und baut Euch Eure Zuhörerschaft langsam aber sicher auf. Eure gute Idee ist die Quelle. Findet einen Weg diese gute Idee so einfach wie möglich und ohne große Kosten umzusetzen, und es wird funktionieren.

Vielen Dank für das Interview!


Über Johanna Zeul

Die deutsche Sängerin und Liedermacherin Johanna Zeul gewann 2006 den Rio Reiser Songpreis. Johanna ist Artist For Future und kooperiert mit Fridays For Future und Greenpeace. Sie gibt seit 1996 Konzerte, seit 2001 auch mit der Band Rotagila, die im Jahr 2003 in Johanna Zeul Band umbenannt wurde. Von 2003 bis Sommer 2006 studierte Johanna Zeul „Popmusikdesign“ an der Popakademie Baden-Württemberg. Sie komponierte die Musik für „Max und Moritz“ (ein Musiktheaterstück für Erwachsene), das am 6. Januar 2007 am Nationaltheater Mannheim Premiere hatte. Im April 2008 gründete Johanna Zeul mit Martin Goldenbaum das Label Gold und Tier. Im Juni 2008 erschien Johanna Zeuls Debüt-Album Album No1 auf dem Label Gold und Tier. Das darauf enthaltene Lied Ich will was Neues belegte im März und April 2009 jeweils Platz 10 der Liederbestenliste. Im Januar 2011 kam eine gemeinsame Tochter mit ihrem Lebenspartner Frank Benz, Schauspieler am Theater Magdeburg, zur Welt. Am 12. Februar 2012 nahm sie am Finale des Protestsongcontests im Wiener Rabenhoftheater teil und belegte dort mit ihrem Lied Ich will was Neues den 4. Platz. Als Vertreterin des Landes Sachsen-Anhalt nahm Johanna Zeul mit dem Song Sandmann am 28. September 2012 am Bundesvision Song Contest 2012 in Berlin teil und erreichte den 15. Platz.

Quelle: Wikipedia

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